Prof. Dr. Martina Sitt Professur für Mittlere und Neuere Kunstgeschichte
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Forschungsprojekt zu J.H.W. Tischbein (1751-1829), der sogen. Goethe Tischbein, insbesondere über seine unpublizierten Urteile zu den Kunstwerken der holländischen und italienischen Kunst des 17. und 18. Jahrhunderts

 

Das Forschungsprojekt beschäftigt sich mit einer bisher kaum beachteten Quelle an der Schnittstelle zwischen Holland-Erfahrung und Italienkenntnis im späten 18. Jahrhundert.

In seinen umfangreichen Memoiren schildert der Maler Johann Heinrich Wilhelm Tischbein (1751-1829), der bisher vor allem durch seinen Kontakt zu Johann Wolfgang von Goethe (1749-1832) als Goethe-Tischbein Eingang in die Forschung fand, seine frühen Erfahrungen mit holländischen und italienischen Gemälden in den verschiedenen Sammlungen in Deutschland und Holland. Nach Erhalt des Italienstipendiums durch den hessischen Landgrafen kam auch ab 1779 Italien selbst mit seinen Sammlungen vor Ort in seinen Blick.

 

Hierzu gibt eine ausführliche Darstellung von Tischbeins Hand, die ich wieder in der originalen Fassung aufspüren konnte, zahlreiche Hinweise. Tischbeins Manuskript wurde jedoch postum 1861 von dem Braunschweiger Museumsdirektor Carl G. W. Schiller (1807-1874) unter dem Titel Aus meinem Leben. Von J. H. Wilhelm Tischbein herausgegeben.[1] Allerdings erfuhr der Originaltext bis zur Drucklegung eine Reihe tiefgreifender Veränderungen. Schon in der ersten Phase und noch während eines erhaltenen Briefwechsels mit Tischbein selbst aus der Zeit von 1812-1828 (neuer Archivfund) wurde der Text von einem der ersten Bearbeiter, Jacob Ludwig Römer (1770-1855), teilweise so stark umgestellt und dabei geradezu stellenweise im Sinn deformiert, dass die reflektierten Zusammenhänge zwischen den Gemälden und die Wege von Tischbeins Urteilsfindungen manchmal nicht mehr nachvollziehbar erscheinen.

 

Carl Schiller, der erste Herausgeber einer Druckfassung, hat wiederum erneut handfest zur Schere gegriffen und neue „Positionierungen“ der Textpartien vorgenommen und zusammengeklebt. Eine Kommentierung oder ausführliche Erläuterung der vielen Namen und wichtigen Hinweise erfolgte jedoch nicht. Auch in zwei späteren Ausgaben 1922[2] und 1956 wurde die Textvorlage inhaltlich überhaupt nicht geprüft,[3] sondern erneut kommentarlos abgedruckt.

 

Eine Besonderheit dieser Memoiren ist, dass Tischbein hier seinen Werdegang als Maler in den Mittelpunkt stellt. Daher beschäftigen ihn die Kenntnis von Gemälden und Sammlungen und der Erhaltungszustand von Werken ganz wesentlich unter maltechnischen Gesichtspunkten, was die ersten Bearbeiter des Textes stellenweise nicht nachvollziehen konnten. Tischbein stellt hier seine Form der Kennerschaft unter Beweis. Dies wird ergänzt durch Reflexionen über Kunst im Allgemeinen und zeitgenössische Kunstdiskurse. Diese neu zu edierenden Partien werfen ein anderes Licht auf Tischbein.

 

[1] Carl G. W. Schiller (Hrsg.): Johann Heinrich Wilhelm Tischbein: Aus meinem Leben, Braunschweig 1861.

[2] Lothar Brieger (Hrsg.): Aus meinem Leben von Wilhelm Tischbein, Berlin 1922.

[3] Frauke Bolln muss 2008 bei ihrer Beschreibung der Bedeutung der Tischbein Memoiren immer noch beständig mit Vermutungen arbeiten, da die „Bearbeiter“ des Tischbein Manuskriptes eine „kritische Bearbeitung völlig vermissen lassen“ (S. 234); Frauke Bolln: Die Memoiren des Goethe-Malers Johann Heinrich Wilhelm Tischbein, in: Frauke Bolln, Susanne Elpers und Sabine Scheid (Hrsg.): Europäische Memoiren. Festschrift für Dolf Oehler, Göttingen 2008, ferner S. 235.

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